Natürliche Regulation bei Wildschweinen
Zu viele Wildschweine? Ein Problem von Jägern erschaffen!Immer wieder lesen wir in der Presse: »Die Wildschweinpopulationen
sind zu groß!« Obwohl die Wildschweine im Augenblick dazu herhalten
müssen, die Jagd als solche zu rechtfertigen, ist es in Wirklichkeit
gerade diese so genannte jagdliche »Hege und Pflege« der Jäger,
die ursächlich für diese (völlig hysterisiert hochgespielten)
Zustände verantwortlich ist.
Betrachten wir zunächst die Größe und die Nachkommenzahl
der Wildschweinpopulationen etwas näher: Wir kennen in einigen Teilen
Europas unbejagte Gebiete mit vergleichbaren Parametern (natürlicher
Mischwald, keine großen Beutegreifer wie Wolf, Luchs oder Bär,
normale jahreszeitliche Temperaturschwankungen, zyklisch vorkommende Fruchtreifungsprozesse
etc.). Hier liegt die Nachkommenzahl der Wildschweinrotte bei ca. 4 - 5
Frischlingen im Jahr, davon überleben das erste Jahr meist nur 2 Jungtiere.
Bei uns liegt die Nachkommenzahl oft zwischen 6 und 8 Frischlingen und das
erste Jahr überleben fast alle. Was sind die Gründe für diese
signifikanten Unterschiede?
Seit vor einigen Jahren in der Jägerpresse veröffentlicht wurde, dass man die Ansitzzeiten für Wildschweine um die Hälfte reduzieren kann, wenn man diese Tiere mit Futter anlockt (= kirrt), wird auch außerhalb der so genannten Notzeiten eine gewaltige Menge Futter in die Natur gebracht. Da aber die Tiere nach dem ersten Schuss diese Stelle (Kirrung) meiden, werden dann noch so genannte Ablenkungsfütterungen notwendig. Diese Verwirrungstaktik soll die Tiere wieder »beruhigen«. Dadurch wird aber die Futtermenge nochmals gesteigert. Doch vor allem die Futterart hat einen signifikanten Einfluss auf die Reproduktionsrate der Schwarzkittel. Meist handelt es sich dabei um Futter mit einem sehr hohen Stärkeanteil (z. B. Mais), welcher von den Wildschweinen schnell in Zucker überführt werden kann (im Gegensatz zur natürlichen Nahrung!) und damit wird die Fruchtbarkeit der Leitbachen schon im Herbst fördernd beeinflusst. Es sind also vor allem die ungeheuren Mastfuttermengen, die jährlich in die Natur gekarrt werden, die das »Wildschweinchaos« bringen. Man kann heute davon ausgehen, dass die Futterqualität auch die seit langem zu beobachtende zweite jährliche Rauschzeit mit verursacht.
Die Bejagung von Wildschweinen bringt dann noch einen weiteren kontraproduktiven Faktor ins traurige »Spiel«: In einer funktionierenden Wildschweinrotte wird nur die Leitbache »rauschig«, weil sie durch eine Pheromonabgabe (Duftstofffreisetzung) bei den anderen geschlechtsreifen weiblichen Tieren innerhalb dieses festen sozialen Gefüges die Paarungsbereitschaft blockiert. Somit bleibt die Nachkommenzahl relativ klein und an das jeweilige Biotop mit der begrenzten Futtermenge angepasst.
Wird nun die Leitbache bei einer Drückjagd oder ähnlichen Jagdformen erlegt, werden alle weiblichen Tiere zur nächst möglichen Paarungszeit rauschig. Somit explodieren die Nachwuchszahlen regelrecht und die Populationen geraten aus den Fugen, da die sinnvolle innere Regulation zerstört wurde. Das Ende der Jagd mit den ständigen manipulativen Eingriffen wäre auch hier die richtige Maßnahme.
Seit kurzem gibt es auch Hinweise darauf, dass durch die Massentierhaltung in der Landwirtschaft unterschiedlichste Wirkstoffe in die Umwelt gelangen, die ebenfalls die natürliche Selbstregulation der Wildtiere beeinflussen. Zum einen sind es Hormone, die artübergreifend wirken, und zum anderen die Pheromone, also Duftstoffe, die hormonähnliche Eigenschaften haben und bei der Einleitung von Schwangerschaften in Masttierbetrieben in großen Mengen künstlich eingesetzt werden. Da viele dieser Faktoren zur Zeit mess-technisch noch sehr schwer zu erfassen sind und Tiere ähnliche soziale und neuronale Eigenschaften haben wie wir, hilft letztendlich nur die Beendigung der Jagd, um eine natürliche Regulation und das unverfälschte und freie Überleben aller Wildtiere sicherzustellen.
(Kurt Eicher, Biologe, Initiative zur Abschaffung der Jagd)
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