Wie dachten die Bogumilen?
Sie verzichteten auf alle äußeren Rituale und Zeremonien, weil sie Gott in ihrem Inneren fanden. Die Bewegung der Bogumilen konnte sich fast ein halbes Jahrtausend auf dem Balkan halten. Als sie vernichtet wurde, hatte sie längst Samen ausgestreut ...
»Wenn
aber ein armer Wandersmann von weit her kommt und die Türme des Fürstenhofes
erblickt, so verwundert er sich ... und stellt Fragen. ... Wenn er aber
den Fürstenhof betritt und sieht die hohen Paläste und Kirchen,
außen mit Stein, Holz und Farbe, innen mit Marmor und Kupfer reich
verziert, so weiß er nicht, womit er das alles vergleichen soll, denn
in seinem Lande hat er nie etwas anderes als Stroh gedeckte Hütten
gesehen, und der Arme beginnt den Verstand zu verlieren.« (* S. 122)
So beschreibt ein Zeitzeuge die Kluft, die im 10. Jahrhundert zwischen der einfachen Landbevölkerung Bulgariens und dem Zarenhof in der Hauptstadt Preslav bestand. Nicht nur die Fürsten und Bojaren, auch die hohen Kleriker stützten sich nach byzantinischem Vorbild auf zahlreiche Privilegien und umfangreichen Grundbesitz. Dies betraf auch viele der orthodoxen Klöster: „Die Mönche lebten in Saus und Braus, kleideten sich in prächtige Gewänder, waren von zahlreichen Dienerschaften umgeben, aßen teure Speisen, ritten schöne Pferde und plünderten ihre Untergebenen grausam aus. Die Bauern mussten alle Staatssteuern in Sachwerten abliefern, die Bodensteuer, die Herdsteuer, die Viehsteuer, die Bienensteuer und andere. Zusätzlich legte noch die Kirche den Bauern beträchtliche Abgaben auf.“ (* S. 124)
So nimmt es nicht wunder, wenn sich angesichts dieser Zustände unter der geplagten Landbevölkerung »verschiedene ketzerische Lehren« breit machten. Der orthodoxe Priester Kosma berichtet davon, natürlich in abfälliger Weise:
»Es geschah, dass zur Herrschaftszeit des rechtgläubigen Zaren
Peter ein Pope namens Bogumil (deutsch: Gottesfreund) in den bulgarischen
Landen auftauchte, der besser Bogunemil (der nicht von Gott Geliebte) genannt
werden sollte. Er war der erste, der ketzerische Lehren in bulgarischen
Gebieten predigte.«
Der »ketzerische« Gemeindevorsteher (=Synekdemos) Bogumil lebte
vermutlich von 913 bis 963 und begann sein öffentliches Wirken um 935.
Er war eine überragende Persönlichkeit, nach der eine große
Bewegung, die ein halbes Jahrtausend Bestand hatte, benannt ist. Doch diese
Bewegung entstand nicht aus dem Nichts – die unerträglichen sozialen
Verhältnisse Bulgariens waren nicht ihre letzte Ursache, sondern eher
Auslöser und Verstärker einer religiösen Umwälzung,
die »in der Luft« lag.
Die Bulgaren sind ursprünglich ein turksprachiges Reitervolk, das,
aus Zentralasien kommend, im 7. Jahrhundert in den Balkanraum vordrang.
Dort vermischten sie sich allmählich mit den ansässigen Slawen
und übernahmen deren Sprache. In Asien hatten sie engen Kontakt zum
Volk der Uiguren gehabt. Bei diesen war die Lehre des Manichäismus
lange Zeit verbreitet, zeitweise sogar als »Staatsreligion«.
Auf dem Balkan wiederum trafen die Bulgaren unter anderem auf die Paulikianer,
die man als die geistigen Erben der Manichäer bezeichnen könnte.
Der Boden war also vorbereitet für eine Erneuerung dieser am Urchristentum
orientierten »Ketzer«-Bewegungen.
Die Bogumilen verbreiteten sich sehr rasch in Bulgarien und in den angrenzenden
Ländern Mazedonien, Serbien und Bosnien. Der Kern ihrer Lehre war,
dass der Mensch ohne Vermittlung einer äußeren Instanz oder Institution
in ein unmittelbares Verhältnis zu Gott treten kann. Deshalb bauten
sie, jedenfalls in der Anfangszeit, keine äußeren Kirchen, sondern
trafen sich in schlichten Versammlungsräumen. »Das Herz des Menschen
ist die wahre Kirche Christi«, sagte ein Bogumile, als er vor einem
Inquisitionsgericht verhört wurde. (** S. 159)
Die Bogumilen pflegten auch keine Rituale oder liturgischen Zeremonien. Sie wollten das christliche Leben nicht auf Tradition, sondern auf spirituelle Erfahrung gründen. Sie trafen sich zu einer feierlichen Tischgemeinschaft nach dem Vorbild des urchristlichen »Liebesmahls«. Sie kannten keine Priesterhierarchie, sondern lediglich eine Unterteilung ihrer Anhänger in »Vollkommene«, »Glaubende« und »Zuhörer«. Letztere würde man heute als »Sympathisanten« bezeichnen; die »Glaubenden« waren Vollmitglieder der bogumilischen Gemeinden. Die »Vollkommenen« zeichneten sich durch eine enthaltsame Lebensweise aus, vor allem aber durch eine natürliche Autorität, die allein auf ihrer inneren Entwicklung beruhte, auf dem »Maße des inneren Lichtes, das er zum Leuchten gebracht hatte«.** Zu einem »Vollkommenen« wurde man durch die »Geisttaufe« – das einzige Sakrament, das die Bogumilen kannten.
Die
bulgarischen »Gottesfreunde«, zumindest die »Vollkommenen«
und die »Glaubenden« unter ihnen, lebten vegetarisch und waren
gewaltlos. Sie wollten nicht das Göttliche, das in allem lebt, töten.
Sie sahen es als ihre Aufgabe an, nicht nur sich selbst mit der Hilfe des
inneren Christus zum Licht hin zu entwickeln, sondern auch das Böse
in der Welt durch ihr Vorbild und ihre Liebe allmählich mit zu erlösen.
So wollten sie das kommende »Reich des heiligen Geistes« vorbereiten.
Sie glaubten an die Möglichkeit einer Wiederverkörperung der Seele,
nicht aber an eine ewige Verdammnis. Sie lehnten die Verehrung des Kreuzes
mit Korpus ab, hinterließen aber eine Fülle von Licht- oder Lebenskreuzen
ohne Korpus.
Das Böse war nach Auffassung der Bogumilen durch den Sturz »Satanaels«,
eines Sohnes Gottes***, aus dem Himmel entstanden. Aus diesem »Engelsturz«
entstand auch die Materie und der Planet Erde. Weil aber Satanael den Menschen
nicht das Leben einhauchen konnte, verlieh Gott jedem Menschen einen »Geist-Funken«
aus Seinem Licht. Daraus ergibt sich die innere Zwiespältigkeit des
Menschen: Äußerlich gehört er der Materie, innerlich Gott
an.
Die Bogumilen waren also, zumindest in ihrer Mehrzahl, keine Anhänger
eines »radikalen« (gnostischen) Dualismus, wonach seit Urzeiten
die Prinzipien Gut und Böse gleichberechtigt nebeneinander bestehen.
Sie vertraten vielmehr einen »gemäßigten Dualismus«,
wonach Gott der Ursprung allen Seins und stärker als das Böse
ist, das dereinst besiegt sein wird.
Wenn den Bogumilen bis heute immer wieder unterstellt wird, sie hätten
nur an eine Schein-Existenz des Jesus von Nazareth auf der Erde und an eine
Schein-Kreuzigung geglaubt (»Doketismus«), so beruht dies wohl
auf einem Missverständnis: Sie glaubten, dass der innere Kern der Persönlichkeit
des Jesus von Nazareth, nämlich der Christus Gottes, nicht von dieser
Welt war und deshalb auch nicht getötet werden konnte.
Weil sie im Alten Testament der Bibel sehr viele Aussagen fanden, die sie
mit einem liebenden Gott nicht in Einklang bringen konnten, lehnten sie
dieses Buch weitgehend ab, erkannten nur die Psalmen und die Bücher
von sechs Propheten als von Gott gegeben an, nicht aber beispielsweise die
Bücher des Mose, die sie für vom Teufel inspiriert hielten. Die
Möglichkeit, dass diese Bücher, wie so vieles andere, von der
damaligen Priesterkaste verfälscht worden waren, war ihnen offenbar
nicht mehr geläufig – hatte doch die Kirche die tiefschürfende
Textkritik z.B. eines Origenes schon viele Jahrhunderte zuvor verketzert
und weitgehend ausradiert.
Die Lehre und Lebensführung der Bogumilen war in ihrer Schlichtheit
und Klarheit nicht nur eine Gefahr für die etablierten Kirchen, für
die katholische ebenso wie die –
seit 1054 von ihr getrennte – orthodoxe.
Diese Bewegung bedrohte auch die feudale staatliche Ordnung, die damals
noch auf Ausbeutung und Unterdrückung angelegt war: Sie entzog einer
religiösen Anschauung, die Sklaverei und Leibeigenschaft, Reichtum
und Ausbeutung rechtfertigte, den Boden. Und so kam es, wie es kommen musste:
Während die Bogumilen jeglichen Glaubenszwang ablehnten und die Freiheit
des menschlichen Willens betonten, brachten ihnen die kirchlichen und staatlichen
Institutionen das Gegenteil davon entgegen: Die bogumilische Bewegung wurde
im byzantinischen Reich, in Bulgarien, in Serbien immer wieder verketzert
und grausam bekämpft. So ließ der byzantinische Kaiser Alexios
I. Komnenos (1018-1116) den bogumilischen Gemeindevorsteher Basileios an
den byzantinischen Hof nach Konstantinopel (heute Istanbul) rufen, angeblich,
um sein Anhänger zu werden. In Wirklichkeit ließ er das Gespräch
von hinter einem Vorhang versteckten Lauschern mitschreiben und die angereiste
Delegation der Bogumilen anschließend von einem Inquisitionsgericht
verurteilen und verbrennen.
Bereits vor Alexios hatte sein Vorgänger Basileios II. (976-1025) dreißig
Jahre lang Krieg gegen den westbulgarischen Zaren Samuel geführt, der
mit den Bogumilen sympathisierte und ihnen Glaubensfreiheit gewährte.
Nach der blutigen Schlacht von Kljutsch (1014) nahm das byzantinische Heer
des Basileios 14.000 bulgarische Soldaten gefangen. Auf Befehl des byzantinischen
Kaisers wurden allen Gefangenen die Augen ausgestochen – nur jedem
Hundertsten wurde ein Auge belassen, damit er die übrigen heimführen
konnte. Diese grausame Verstümmelung sollte offenbar eine Verhöhnung
der bogumilischen Lehre des »inneren Lichtes« sein. Als Zar
Samuel seine Soldaten so herankommen sah, starb er gebrochenen Herzens.
Kaiser Basileios erhielt den Beinamen »Bulgaroktos«, Bulgarenschlächter,
worauf er auch noch stolz war. Bis heute erinnert ein kleines Kloster am
Vodoca-See (von »vadi oci«, Augen ausreißen) in der Nähe
des Schlachtfeldes im heutigen Mazedonien an dieses Verbrechen.
Auch die katholische Kirche bekämpfte die »Irrlehre« nach
Kräften. Das Heer des vierten Kreuzzugs, der später statt des
»heiligen Landes« das orthodoxe Byzanz erobern sollte, zog im
Jahre 1202 von den Venezianern (die das Unternehmen finanziert hatten) zunächst
gegen die dalmatinische Stadt Zadar im heutigen Kroatien – mit der
Begründung, dort lebten »bogumilische Ketzer«. Mehrfach
ließ der Papst »Ketzerkreuzzüge« gegen die Bogumilen
ausrufen.
Trotz aller Verfolgungen verbreitete sich die Lehre der »Gottesfreunde«
jedoch weiter. Zeitweise fand sie für einige Jahrzehnte staatlichen
Schutz – so zu Beginn des 11. Jahrhunderts im westbulgarischen Reich
(dem heutigen Mazedonien) um den Ohrid-See, oder im 13. und 14. Jahrhundert
in Bosnien. Dort bildete das Bogumilentum zeitweise sogar eine Art Staatsreligion.
Doch auch deren Tage waren gezählt. Als die Türken nach der Schlacht
gegen die Serben auf dem Amselfeld (1389) auf dem Balkan weiter vordrangen,
verweigerten die katholischen Nachbarn den bosnischen »Ketzern«
jegliche Hilfe – es sei denn, sie wären zum Katholizismus übergetreten.
Dazu waren die Bosnier jedoch nicht bereit. Die Türken rotteten die
bosnische Oberschicht weitgehend aus; die einfachen Bauern begaben sich
notgedrungen unter türkische Oberhoheit und nahmen in der Folgezeit
fast alle den muslimischen Glauben an. Ihre Nachfahren sind die heutigen
bosnischen Muslime.
Doch die Kirche ahnte selbst, dass der im Bogumilentum wieder auferstandene
Geist des Urchristentums nicht ausgelöscht werden kann. Papst Pius
II. (1458-64) musste feststellen, dass die Kirche kaum jemals einer Bewegung
so heftig und mit solch scharfen Mitteln entgegengetreten sei. Dennoch seien
alle Anstrengungen der Kirche gegen diese »schlechten Menschen«,
die sich »gute Christen« nennen, letztlich erfolglos geblieben.
In der Tat: Bereits lange vor dem Ende der Bogumilen auf dem Balkan hatte
die Lehre sich über ganz Europa verbreitet. Flüchtende Bogumilen
setzten von Albanien nach Italien über. Andere fanden in der Ukraine
und in Russland eine neue Heimat. Das berühmte orthodoxe Kloster auf
dem Berg Athos in Griechenland war lange Zeit – bis ins 14. Jahrhundert
hinein – ein Bollwerk des Bogumilentums. Große Gestalten der
abendländischen Geistesgeschichte wie der römische Ketzer-Revolutionär
Arnold von Brescia, der kalabresische Abt Joachim von Fiore, der Dichter
Dante Alighieri könnten von Nachklängen dieser Bewegung beeinflusst
worden sein. Sogar der von der katholischen Kirche vereinnahmte »Heilige«
Franziskus von Assisi zeigte in seiner Naturverbundenheit und Schlichtheit
eher bogumilische Züge – schließlich wurde »sein«
Orden der Franziskaner gegen seinen Willen gegründet, und seine treuesten
Schüler (Spiritualen genannt) wurden zu Hunderten auf den Scheiterhaufen
der Inquisition verbrannt.
Vor allem aber steht fest, dass es intensive Kontakte zwischen den Bogumilen
des Balkans und den Katharern Südfrankreichs und Italiens sowie den
»Gottesfreunden« des Rheinlands gab. Doch das ist ein weiteres
Kapitel. (mh)
* Katja Papasov, »Christen oder Ketzer – die Bogomilen«,
Ogham-Verlag, Stuttgart 1983
** Rudolf Kutzli, »Die Bogumilen«, Verlag Urachhaus Stuttgart
1977
*** Nach der Lehre der Urchristen im Universellen Leben war »Satana«
kein Sohn, sondern eine Tochter Gottes.
Hinweis: Die beiden Bilder sind Zeichnungen von in Stein gemeißelten Bilder
der Bogumilen.
Siehe auch im Buch: Der Strom des Urchristentums in der Geschichte
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