Die Bewegung der Manichäer
Eine Zeit lang sah es so aus, als würde die manichäische Bewegung die römisch-katholische Kirche an Bedeutung und Mitgliederzahl in den Schatten stellen. Doch dann wurde der Katholizismus zur Staatsreligion im römischen Reich.
Wie kommt das Böse in die Welt? Und wie kann man es überwinden?
Diese Grundfragen der Menschheit bewegten gegen Ende des vierten Jahrhunderts
auch den nordafrikanischen Rhetoriklehrer Augustinus (354-430). Er fand
zu einer eher »katholischen« Lösung dieser Frage: »Und
so suchte ich, woher das Böse kommt«, schreibt er in seinen Bekenntnissen,
»und ich suchte böse und sah das Böse in meinem Suchen.«
Augustin verurteilt demnach jegliche Beschäftigung mit dem Bösen:
Dieses ist zu meiden und zu bekämpfen. Mit den Begriffen der heutigen
Psychologie könnte man sagen: Das Böse wird verdrängt. Aus
dieser Verdrängung resultiert dann die Projektion des eigenen Bösen
auf den »bösen Anderen«: den Sündenbock, den »Ketzer«,
den Juden, die »Hexe«. Das vermeintliche Heil findet ein solcher
Kirchenchrist in der Befolgung äußerer Regeln und Rituale: Kirchgang,
Beichte, Wallfahrten, Ablässe ...
Augustinus, der bis heute als größter Kirchenlehrer der Antike
gilt, wurde folgerichtig zu einem der ersten großen »Ketzer«-Verfolger
der Kirchengeschichte, der sogar die Folter rechtfertigte, die doch, im
Vergleich zur »ewigen Verdammnis« der Seele, für den Körper
wie eine »Kur« wirke. Mit besonderem Feuereifer ließ Augustinus
eine Bewegung verfolgen, der er selbst einmal angehört hatte: die Manichäer.
Neun Jahre lang (373-382) war der junge Nordafrikaner Mitglied bei den Manichäern gewesen – als auditor (»Hörer«), also einfacher Gläubiger. Es war ihm dabei nicht gelungen, in den Rang eines »electus«, eines Auserwählten, aufzusteigen – so nannte man dort diejenigen, die tiefer in die Geheimnisse des manichäischen Glaubens eingedrungen waren und andere darüber unterrichten durften. Augustinus berichtet selbst über seine Gespräche mit dem Manichäer Faustus (»Contra Faustum«), die ihm jedoch keine Antwort auf seine Zweifel und bohrenden Fragen gebracht hätten.
Äußere oder innere Religion?
Die Lehre der Manichäer über die Grundfragen des Lebens war in
der Tat eine völlig andere, als sie Augustinus später vertrat.
Hier wurde die Beschäftigung mit dem Bösen nicht abgelehnt –
sie wurde sogar als eine Grundvoraussetzung für dessen Überwindung
angesehen. Der Mensch muss das Böse in der Welt und vor allem in sich
selbst nüchtern betrachten, um es dann mit Hilfe des inneren Lichtes,
mit der Kraft des im Menschen wohnenden Christus Gottes, auch nous genannt,
zu überwinden. Vor dem Sieg des Lichtes über die Finsternis steht
also die Erkenntnis. Für Augustinus hingegen ist diese Erkenntnis zweitrangig:
»Credo, quia absurdum«, ich glaube, weil es absurd ist, lautet
ein paradoxer Ausspruch, der ihm zugeschrieben wird.
Wir stehen hier an einem geistesgeschichtlichen Scheideweg – und gleichzeitig
sehen wir den Grundunterschied zwischen einer äußeren und einer
inneren Religion: In der äußeren Religion geht es letztlich um
Rituale und Dogmen, um die Befolgung von äußeren Regeln, mit
denen angeblich der Zugang zum Göttlichen gesichert werden kann. In
der inneren Religion geht es um die Wandlung des inneren Menschen durch
Einsicht, Reue, Umkehr und Änderung des Verhaltens. Wer waren nun diese
Manichäer, die zur Zeit des Augustinus zu einer mächtigen Konkurrenz
für die römische Kirche herangewachsen waren, deren Gemeinden
in späterer Zeit von Spanien bis ins ferne China nachgewiesen sind,
auf die sogar noch Marco Polo stieß, als er 1275 in die Mongolei kam?
Das war rund tausend Jahre nach dem Tod des Gründers der Bewegung:
Mani.
Erst im 20. Jahrhundert gelang es, aufgrund von sensationellen Schriftenfunden
vor allem in Ägypten, ein unabhängiges Bild dieses Religionsgründers
und seiner Lehre zu zeichnen. Bis dahin war alles, was man darüber
wusste, von der eineinhalb Jahrtausende währenden Verketzerung und
Verfolgung alles Manichäischen durch die Kirche geprägt.
Der am 14. April 216 nördlich von Babylon geborene Sohn persischer
Adeliger hieß zunächst Quirbakhar. Sein Geburtsort liegt an der
Schnittstelle der indischen, persischen und babylonischen Kultur. Bereits
im Alter von zwölf Jahren wird dem Knaben eine erste Offenbarung zuteil:
Ein Engelwesen legt ihm nahe, die Glaubensgemeinschaft der Mandäer,
der sein Vater angehört, zu verlassen. Mani berichtet über diese
Erscheinung: »Da kam der lebendige Paraklet (der von Christus verheißene
Tröster-Geist) zu mir herab und sprach mit mir. Er offenbarte mir das
verborgene Mysterium ..., das Mysterium der Tiefe und der Höhe, ...
des Lichtes und der Finsternis ... So wurde mir alles ... durch den Parakleten
geoffenbart.«
Mani wies auf Christus hin
Das Phänomen des Inneren Wortes, durch das der Geist Gottes zu aufbereiteten
Menschen spricht, um ihnen Botschaften für die Menschen zu übermitteln,
tritt in der Geschichte immer wieder auf. Der junge Perser wurde zunächst
zwölf Jahre lang durch diese Innenschau unterwiesen, ehe er durch das
Engelwesen, das sich »Al Taun«, der Zwilling, nannte, zu öffentlicher
Wirksamkeit berufen wurde. Von da an erhielt er auch den Namen »Mani«,
was auf Indisch so viel wie »Edelstein, Kristall« bedeutet und
an das »Manas«, das Geist-Selbst, erinnert und auch mit »Mann«
und »Mensch« sprachverwandt ist.
Durch Mani entsteht sehr rasch eine umfassende geistige Bewegung, die zeitweise
auch den persischen Königshof erreicht und von dort unterstützt
wird. Kernpunkt der Lehre ist, im Anklang an die alte persische Lichtreligion
des Zarathustra, der Kampf des Lichtes gegen die Finsternis. Man hat dem
Manichäismus oft vorgeworfen, er beinhalte einen absoluten »Dualismus«
von Gut und Böse. Doch das entspricht nicht der Wahrheit. Mani lehrte
vielmehr, dass Licht und Finsternis ursprünglich vereint waren, bis
das Böse sich vom Guten abspaltete und eigene Wege beschritt. In diesen
kosmischen Kampf griff am Ende ein »Licht-Sohn« von erhabenster
Größe ein, der in das Reich der Finsternis hinabstieg, um mit
der Kraft seiner Liebe das Böse in Gutes umzuschmelzen. Er verleibte
sich in einen besonderen Menschen ein und überwand den Tod.
Mani wies also auf Christus und Sein Golgatha-Opfer hin. Für ihn war
Christus der Führer der Seelen zum Licht – und er war nicht der
Auffassung, was ihm ebenfalls später vorgeworfen wurde, Christus habe
sich gar nicht wirklich einverleibt (Doketismus). Mani lehrte, dass der
Geist Gottes auch in der Materie, in jedem Stein, jeder Pflanze, jedem Tier
gegenwärtig ist.
Gewaltlos auch gegenüber Tieren
Er selbst war ein begnadeter Künstler, der den Menschen als Musiker, Maler und Dichter die Geheimnisse des Lebens nahe brachte. Er versah seine Bücher selbst mit Illustrationen. Seine Haupt-Botschaft war die Liebe, mit deren Kraft es möglich sei, das Finstere zu erlösen – vielleicht könne man auch sagen: das Finstere zu »zerlieben«. Jeder Manichäer sollte mindestens für einen Menschen sorgen, der ohne ihn nicht leben könnte, also etwa für einen Behinderten oder Kranken.
Die Bewegung der Manichäer war keine feste Organisation im kirchlichen Sinne – denn nach ihrer Auffassung sollte sich der Mensch weder an äußeren Besitz noch an eine äußere Organisation binden; das schwäche den Geist im Menschen. Die Manichäer lebten vegetarisch und gewaltlos und ihre Leiter blieben ehelos. Sie glaubten an die Wiederverkörperung und vertraten die Auffassung, dass jeder Mensch und jede Seele einst wieder zu Gott finden würde. Sie lehnten die Schriften des Alten Testamentes zum großen Teil ab, weil dort von einem Gott der Rache die Rede ist, und hielten sich statt dessen an die Bergpredigt Jesu.
Mani selbst wurde zum ersten Märtyrer seiner Bewegung, als neidische
Magier des alten Zarathustra-Kultes gegen ihn intrigierten und er beim persischen
Hof in Ungnade fiel. Er wurde grausam gefoltert und am 28. Februar 276 gekreuzigt.
Die Bewegung breitete sich jedoch rasch weiter aus. Erst als die römische
Kirche zur Staatsreligion wurde und auf Betreiben Augustinus’ und
anderer »Kirchenlehrer« die unbarmherzige Verfolgung aller konkurrierenden
Religionen begann, wurden den Manichäern zunächst alle Versammlungen
verboten, dann die bürgerlichen Rechte aberkannt, schließlich
wurden sie vertrieben, getötet, ihre Schriften vernichtet.
Flüchtende Manichäer gelangten allerdings von Nordafrika nach
Italien und legten dort den Grundstein für den späteren Erfolg
verschiedener »Ketzerbewegungen«. Andere Manichäer flüchteten
nach Armenien. Sie bildeten dort, gemeinsam mit Anhängern des Markion
und anderen »Ketzern«, das Volk der Paulikianer, das wiederum
zur Grundlage für die späteren Bewegungen der Bogumilen und Katharer
wurde.
Das Licht wird siegen
Die Idee einer Religion des Inneren, die den Sieg des Lichtes über die Dunkelheit zum Ziel hat, lebte also weiter. Diese universelle, kosmische Idee kann niemand auslöschen. Manichäische Ideen begegnen uns sogar in Goethes »Faust« – der wohl nicht zufällig so heißt wie der von Augustinus geschmähte Manichäer Faustus. Faust, der durch alle Irrtümer hindurch „strebend sich bemüht“, das Gute zu erkennen und zu tun, wird am Ende erlöst – nicht, weil er sich an äußere Rituale gehalten hat, sondern weil er auf seinem Erkenntnisweg aus seinen Fehlern gelernt hat. (mh)
Literatur: Rudolf Kutzli, »Die Bogumilen«, Verlag Urachhaus 1977
Siehe auch im Buch: Der Strom des Urchristentums in der Geschichte
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