Die Paulikianer
Sie wurden geächtet, enterbt, ausgestoßen, ermordet, von Land zu Land gehetzt. Doch urchristliche Bewegungen sammelten sich immer wieder neu. In Anatolien bildete sich aus den Versprengten das Volk der Paulikianer.
Das hatte man im byzantinischen Reich noch nicht erlebt: Kaiser Leon III. aus der Dynastie der Isaurier löste im 8. Jahrhundert teilweise den Großgrundbesitz auf und verteilte Land an Kleinbauern. Er hob die Hörigkeit der Bauern auf und schuf Genossenschaften. Die Armen erhielten kostenlose Rechtsprechung. Die Stellung der Frau wurde erheblich verbessert: Schriftliche Eheverträge wurden eingeführt; die Frau war als Witwe Vertreterin ihrer Kinder usw.
Woher kam diese unerwartete Wende? Welcher Geist spricht aus den Gesetzen
des Isauriers, in denen z.B. zu lesen steht: »Gott hat den Menschen
geschaffen und mit Freiheit geschmückt. ... Die Gerechtigkeit, die
Botin vom Himmel, ist das höchste irdische Gut, ... die höchste
Sorge des Kaisers.«? Der Historiker Rudolf Kutzli* ist der Ansicht,
dass diese Gesetze unverkennbar von paulikianischer Ethik geprägt waren.
Und wer waren die »Paulikianer«? Um dies zu erklären, müssen
wir ein wenig zurückgreifen. Die Romkirche zerschlug im Laufe der Spätantike
immer wieder jede religiöse Strömung, die Anschluss an das frühe
Christentum suchte – seien es die Markioniten, Montanisten,
Manichäer
oder Origenisten. Immer wieder jedoch entkamen einzelne Gläubige oder
ganze Gruppen den Nachstellungen der sie im Auftrag der Kirche verfolgenden
staatlichen Häscher und flüchteten in Nachbarregionen.
Die Wiege der Paulikianer steht in Kurdistan
Der Osten der heutigen Türkei, in unseren Tagen überwiegend von Kurden bevölkert, ist eine solche Region, in der sich versprengte Urchristen immer wieder sammelten und neue Bewegungen gründeten. Hier findet sich auch die erste Spur der sogenannten Paulikianer. Mitte des siebten Jahrhunderts wird uns von der Manichäerin Kallinike aus Samosata berichtet. Ihre Söhne Paulus und Johannes sollen eine christliche Lehre verkündet haben, deren Anhänger als „Paulikianer“ bezeichnet wurden. Wobei der Namensgeber dieser Lehre wohl nicht der eine dieser Brüder, Paulus, gewesen ist, sondern der Apostel Paulus, auf den sich bereits Markion berief. Eine zweite historische Wurzel führt uns etwas weiter nördlich in die Provinz Mananali (damals überwiegend von Armeniern bewohnt), wo ebenfalls im 7. Jahrhundert ein gewisser Konstantin auftrat. Dieser gab sich - nach einem Jünger des Apostels Paulus – den Beinamen »Sylvanus«. Er gründete in Kibossa (heute: Nordost-Türkei) die erste nachweisliche Gemeinde der Paulikianer.
Um zu erahnen, wer die Paulikianer waren, ist es hilfreich, sich die verschiedenen Bewegungen vor Augen zu rufen, aus denen sie sich speisten und schließlich zu einer neuen Glaubensrichtung entwickelten:
- Im Gebiet von Kibossa hatte es zuvor starke Gemeinden sowohl der Markioniten als auch der Manichäer gegeben.
- Katja Papasov** nennt des weiteren die Bewegung der Nestorianer, aus der die Paulikianer Zustrom erhalten haben könnten. Die Nestorianer gehen auf den Patriarchen Nestorius zurück, der die Ansicht vertrat, dass Jesus von Nazareth zugleich Mensch und Gott gewesen sei, dass man also eine menschliche und eine göttliche Natur in ihm unterscheiden müsse. Anders ausgedrückt: Christus, der Sohn Gottes, inkarnierte sich in dem Menschen Jesus. Die Kirche lehrte demgegenüber die »Einheit der Person Christi« und verwarf die Lehre des Nestorius auf dem Konzil von Ephesos (451). Die Nestorianer verbreiteten sich in der Folgezeit bis nach China; im Irak, Syrien und Persien gibt es sie – allerdings in einer veräußerlichten Konfession – bis heute.
- Nach Rudolf Kutzli* waren auch zahlreiche Mazdakisten in dieser Zeit nach Armenien geflohen, das damals wesentlich größer war als heute und weite Teile der heutigen Türkei umfasste. Viele von ihnen scheinen sich dort ebenfalls den Paulikianern angeschlossen zu haben. Die sozialrevolutionäre Bewegung der Mazdakisten war um das Jahr 500 in Persien entstanden. Ihre Anhänger beriefen sich auf Zarathustra (6. Jh. vor Chr.) und verkündeten eine Religion der universellen Brüderlichkeit: Jeder Mensch habe in gleicher Weise einen Anspruch auf ein menschenwürdiges Dasein. Die Mazdakisten wurden – nach vorübergehender Duldung – von den persischen Königen scharf bekämpft, denn sie stellten das feudale Ausbeutungssystem des Großgrundbesitzes in Frage. Auch die Priesterkaste wurde von den Mazdakisten für überflüssig erklärt, wobei sie sich auf Texte des Zarathustra berufen konnten: »Euch frage ich, die ihr euer Heil Priestern und Fürsten anvertraut! Nun ist die Erde ihre Beute! Gab Gott ihr Segen, nur um darum zu blüh’n? Macht uns die Erde wieder frei! Ein Opfer ist sie jetzt für Rasende. Priester und Fürsten engen das Leben ein, aber mit dem Leben werden wir siegen!«
Diese Zeilen klingen heute, im Zeitalter der ökologischen Katastrophen, sehr aktuell. Zarathustra lebte fünf Jahrhunderte vor Christus, doch in vieler Hinsicht nahm er Aspekte der Lehre Jesu vorweg – auch wenn, wie bei fast allen großen Religionsgründern, seine Lehre später verfälscht und zu einer ritualisierten äußeren Religion gemacht wurde. Den Mazdakisten ging es in erster Linie um die innere Befreiung des Menschen, um seine Hinwendung zum Inneren Licht: »Wann wird es aufgehen, das Morgenrot jener Tage, wo die Menschheit sich wendet zum Inneren Licht, zum Lichte der Wahrheit? Doch sei, wann es wolle ... Ich will mich mühen, als sei es schon Zeit.« (Zarathustra)
Keine Priesterkaste
Das urdemokratische Element der Mazdakisten zeigte sich später auch in der inneren Haltung der Paulikianer. Ihre geistigen Führer lehnten jede Machtausübung ab. Sie bezeichneten sich, wie ihre Vorläufer in den frühchristlichen Urgemeinden, als »Synekdemoi« - Begleiter des Volkes – und wurden auch vom Volk gewählt. Sie unterschieden sich in Kleidung und Lebensweise nicht von anderen Gemeindemitgliedern. Jeder Gläubige war dazu aufgerufen, selbst das Neue Testament (das Alte Testament wurde abgelehnt) zu lesen und auszulegen und das wahre Christentum in sich zu ergründen. Als einziges Sakrament kannten die Paulikianer die Taufe.
Die einzelnen Glaubensinhalte der Paulikianer sind nur indirekt zu erfahren, weil fast nur Berichte ihrer Gegner erhalten geblieben sind. Dies gilt übrigens für die meisten der von der Kirche verfolgten Gruppen, zu denen, dies sei vorweggenommen, auch die Paulikianer zählten. Dennoch lässt sich unter Vorbehalt sagen: Die Paulikianer lehnten den Kult der »Gottesmutter« Maria ab. Sie waren der Auffassung, dass die »Gottesmutter« in Wahrheit das himmlische Jerusalem sei, aus dem Christus als der »Logos«, das Wort Gottes, zu den Menschen gesandt wurde. In Anlehnung an bestimmte Denkrichtungen der Gnosis scheinen die Paulikianer allerdings auch geglaubt zu haben, dass Christus nur scheinbar Mensch geworden sei und in Wirklichkeit nicht am Kreuz gelitten habe (Doketismus). Außerdem waren sie wohl zumindest zeitweise Anhänger eines Glaubens, den man als »absoluten Dualismus« bezeichnen könnte: Das Gute und das Böse sind zwei völlig getrennte Prinzipien, die seit Ewigkeit bestehen. Im gemäßigten Dualismus, der auch der Lehre des Origenes entspricht, wird hingegen gelehrt, dass das Böse ursprünglich ein Teil des Guten war, von diesem abfiel und einst wieder zum Guten zurückfinden wird.
Ein Kriegsherr dreht um
Wir sehen an diesem Beispiel einmal mehr, dass es schwierig war, den Glauben
des ursprünglichen Christentums rein und unverfälscht durch die
Wirren der zahlreichen Verfolgungen urchristlicher Glaubensbewegungen in
der Antike hindurch zu retten. So manche Abweichung oder Verwirrung schlich
sich ein. Das gilt auch für die Frage der Gewaltanwendung. Die Paulikianer
waren keine Pazifisten wie Jesus von Nazareth, sondern verteidigten sich
militärisch gegen die zahlreichen Angriffe und Ausrottungsversuche
vor allem des byzantinischen Staates, dessen Kaiser durch die Priesterkaste
zur Verfolgung der »Häretiker« aufgestachelt wurden. Immer
wieder wurden Tausende von Paulikianern gesteinigt, verbrannt, geköpft.
Der byzantinische Feldherr Symeon soll Ende des 7. Jahrhunderts allerdings
von der Standhaftigkeit der Besiegten so beeindruckt gewesen sein, dass
er den Dienst quittierte, seinen Besitz veräußerte und in das
Land der Paulikianer zog. Er sammelte die Reste der Bewegung und baute die
Gemeinden neu auf.
Im 8. Jahrhundert erhielten die Verfolgten allerdings eine Atempause. Der
eingangs erwähnte Kaiser Leon III. ließ in Konstantinopel eine
öffentliche Disputation zwischen kirchlichen und paulikianischen Vertretern
durchführen – und sprach anschließend letztere vom Vorwurf
des Irrglaubens frei. Um 726 erließ er die erwähnten neuen, von
paulikianischer Ethik geprägten Gesetze, die allerdings von späteren
Nachfolgern auf dem Kaiserthron wieder aufgehoben wurden.
Die Paulikianer unterstützen ihrerseits Kaiser Leon in der Frage des
Bilderstreits, der Byzanz über Jahrzehnte in Atem halten sollte. Wie
der Kaiser waren sie der Auffassung, dass der Mensch sich keine Bildnisse
von Gott machen oder diese gar anbeten sollte. Heiligenverehrung lehnten
sie ohnehin ab.
Bereits Ende des 8. Jahrhunderts jedoch begannen wieder grausame Verfolgungen der Paulikianer. Sie hatten aber zu dieser Zeit bereits auf dem Balkan Fuß gefasst. Andere Paulikianer flüchteten an den Euphrat – wo sie der muslimische Emir wesentlich toleranter behandelte als der »christliche« Kaiser – oder über Nordafrika bis nach Frankreich, wo sie »Populicani« genannt wurden. Die Grundlage für weitere »Ketzerbewegungen« war damit gelegt: für die Bogumilen und Katharer. (mh)
* Rudolf Kutzli, »Die Bogumilen«, Stuttgart 1977
** Katja Papasov, »Christen oder Ketzer – die Bogomilen«,
Stuttgart 1983
Siehe auch im Buch: Der Strom des Urchristentums in der Geschichte
zurück zu Christliche Bewegungen | Lebensweise